Montag, Dezember 01, 2014

Zementherstellung im Kreis Steinburg

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Zementherstellung auf neuen Wegen


Zement ist der wichtigste Bestandteil für die Herstellung von Beton.
Die "Mischung für die Ewigkeit" wird weltweit in großen Mengen produziert und steht so im Focus einer großen Öffentlichkeit mit der Forderung nach einer umweltverträglichen Zementherstellung

Nähe Lägerdorf (in unserem Kreis Steinburg) wurden im 19. Jahrhundert bereits riesige, vor allem oberflächennahe Kreidevorkommen entdeckt.
1862 gründen der Ire Edward Fewer, der Engländer William Aspdin und der Architekt Gustav Ludwig Alsen in Lägerdorf Fabriken zur Verarbeitung des Rohstoffs Kreide.
 Da wo laut Aufzeichnungen um 1737 die Einwohner noch den Kalk zur Düngung ihrer Felder und zum Anstrich ihrer Häuser nutzen, wird die Region Lägerdorf nun seit 152 Jahren von der Zementindustrie geprägt.
Nach Übernahmen, Namenwechseln und Fusionen wurde das Unternehmen Alsen AG 2003 zur Holcim (Deutschland) AG. Weitere Informationen zu der über 150jährigen Geschichte der Zementproduktion in Lägerdorf finden sich HIER

Im November 2014 hatte ich die Möglichkeit, an einem gut dreistündigen Informationstermin mit Führung durch das Zementwerk Lägerdorf teilzunehmen. Der Umweltbeauftragte Torsten Krohn und Willi Breiholz, der als Pensionär noch viele Werksführungen durchführt, fanden Zeit für ein Gespräch über die Zementproduktion, den jährlichen Umweltbericht, die eingesetzten Brennstoffe und weitere Punkte rund um das Werk und den Einsatz von Zement als wichtigster Bestandteil von Beton.

Das Zementwerk in Lägerdorf gehört zur Holcim (Deutschland) AG mit Sitz in Hamburg.
Diese Ländergesellschaft gehört zum weltweit agierenden Baustoffkonzern Holcim, der in über 70 Ländern tätig ist und über 70.000 Menschen auf der Welt beschäftigt.
 Für das kommende Jahr ist geplant, dass die beiden Baustoffriesen Holcim und Lafarge zum weltgrößten Zementhersteller fusionieren wollen.
Sie planen einen Zusammenschluss und so werden sich 2015 die Unternehmen zum weltgrößten Zementhersteller zusammenfinden.  Bei Lafarge arbeiten etwa 65.000 Menschen in 64 Staaten.

Wenn man die letzten Meldungen in den Medien über das "Magische Pulver" verfolgt, dann wird deutlich, dass die Entwicklung im Bauen mit Beton noch nicht abgeschlossen ist und sich immer neue Anwendungen finden.

  Beton - grau, trist und meist für den Bau von Straßen und Hochhäusern verwendet, war gestern! 
Ganz neue Betonrezepturen entstehen und lassen die Zukunft erahnen:
Neue Materialentwicklungen, wie zum Beispiel den lichdurchlässigen Beton, den flexiblen Beton, den Leichtbeton und die Fliesenbetontechnik sind industrielle Entwicklungen, die in Kürze eine Hightech-Beton-Generation einläuten wird.
 Beton wächst mit seinen Aufgaben!  Lichtdurchlässiger Beton gehört mit zu den erstaunlichsten Materialentwicklungen und wird durch eine Vielzahl an Zusatzstoffen angereichert.

Zurück ins Zementwerk Lägerdorf: 
Hier werden jährlich ca. 1,7 Millionen Tonnen Zement hergestellt. Die Zementprodukte werden innerhalb von Deutschland primär an Kunden im norddeutschen Raum verkauft.
Eine Besonderheit ist das Exportgeschäft: In Brunsbüttel verfügt Holcim über ein Exportterminal am Nord-Ostsee-Kanal, das gut 30 Kilometer von Lägerdorf entfernt ist und per Silo-LKW versorgt wird. Die Schiffe beliefern dann Kunden in anderen europäischen Ländern wie England, Frankreich oder Irland mit losem Zement. Somit sichert das Exportgeschäft auch Arbeitsplätze in Lägerdorf.

Nach Auskunft des Umweltbeauftragten Torsten Krohn würden die heutigen Kreidevorräte noch gut 20 Jahre ausreichen, wenn man jährlich 2 Millionen Tonnen Kreide abbauen würde. Es gibt also noch Potential dicht unter der Erde im Kreis Steinburg. Zurzeit wird in der Grube Heidestraße abgebaut. Weitere Kreidevorkommen befinden sich in Nähe der Grube Saturn, wo der Abbau bereits vor vielen Jahren eingestellt wurde. Ein entsprechendes Genehmigungsverfahren für die Erweiterung, das sich über mehr als zehn Jahre ziehen könnte, wurde aber noch nicht eingeleitet.

Das Zementwerk macht sich auch Gedanken über den industriellen Einsatz regenerativer Energien: Die Idee eines Pumpspeicherkraftwerkes, das die Gruben Saturn und Schinkel verbinden sollte, wurde aus Kostengründen nicht weiter verfolgt.
Im Augenblick laufen noch Anträge zur Aufstellung von Windkrafträdern in Rethwisch, die auch Energie für die Industrieproduktion liefern sollen.

Mit 310 Angestellten gehört das Unternehmen zu den größten Arbeitgebern im Kreis nach dem Klinikum, der Klarsicht GmbH, der Sparkasse Westholstein, der Itzehoer Versicherung, der Firma Pohl-Boskamp und der Steinbeis Papier GmbH. Besondere Anreize bietet Holcim vor Ort für ihre 30 Auszubildenden. Es wird ausgebildet zum Industriekaufmann, Industriemechaniker, Energieanlagenelektroniker, Anlagen- und Maschinenführer.
 Seit 25 Jahren gab es hier keinen Abbrecher und die Prüfungen haben immer alle bestanden - so Werksführer Willi Breiholz (Diplomingenieur i. R.), da auf gute Schulung von den eingesetzten Meistern Wert gelegt wird.


Die Grube Saturn aus der Vogelperspektive. Auch hier könnte in den nächsten Jahren noch weiter Kreide abgebaut werden.

Die Zementindustrie ist global für hohen CO2-Ausstoß verantwortlich
 Der Anteil am weltweiten CO2-Ausstoß liegt bei der Zementherstellung noch vor der Chemieindustrie, vor der Eisen und Stahlindustrie und vor dem Luftverkehr.
 Die Zementindustrie benötigt durch ihren energieintensiven Produktionsprozess einen hohen Energiebedarf .
 Die Zementproduktion führt insbesondere durch den Stoffumwandlungsprozess zu recht hohen Emissionen von CO2, - einem Gas, das nicht aufgefangen werden kann und emittiert wird.
Darum setzt Holcim verstärkt granulierte Hochofenschlacke aus Stahlwerken für die Zementherstellung ein.
Dieser Rohstoff muss im Zementwerk nicht gebrannt werden und emittiert daher kein CO2. Hüttensand wird lediglich fein gemahlen und mit dem Grauzement gemischt.
 Dadurch konnten die CO2-Emissionen um ca. 40 Prozent gesenkt werden.

Um Zement zu brennen, sind auch im Werk Lägerdorf hohe Temperaturen (1.450 Grad Celsius) notwendig.
Hier wird das Rohmehl im Drehofenrohr (mit leichtem Gefälle) bei sehr hohen Temperaturen bis zur teilweisen Schmelze zum Klinker gebrannt.

 Dafür wird sehr viel thermische Energie benötigt. Im Zementdrehofen wird das Rohstoffgemisch aus Kreide, Sand, Ton und Eisenoxid bis zur teilweisen Schmelze erhitzt (Sinterung).
Bei einer Temperatur von etwa 1.450 °C bildet sich so genannter Zementklinker.
Er wird unter Gipszugabe nach dem Erkalten zu Pulver zermahlen.
Je feiner der Zement, je höher die spätere Festigkeit des Betons.
Um Zement klimaschonender und zugleich auch wirtschaftlicher herzustellen, wurde bereits vor gut 20 Jahren in der Zementindustrie mit der Umsetzung verschiedener Maßnahmen begonnen:

Primärbrennstoffe (z.B. Kohle) werden durch Ersatzbrennstoffe (aufgearbeitete Abfälle) ersetzt – so auch bei Holcim in Lägerdorf. 
Mit diesen Ersatzbrennstoffen erhält die Zementherstellung einen kostengünstigen Heizwert und gleichzeitig wird die verbleibende Asche und die darin enthaltenden Elemente für das Produkt Zement genutzt.
 Die verbleibende Asche darf nur wenig Schwefel, Schwermetalle und Chlor enthalten. Zudem muss vorab  kontrolliert werden, was im Ofen 11, der 1995 nur für die Verbrennung von Ersatzbrennstoffen gebaut wurde, verbrannt wird.
 Zement wird aus Kreide, Sand, Eisenoxiden und Aluminiumoxyden zu einem Schlamm mit Wasser angemischt.
 Durch die Ersatzbrennstoffe werden in Form von Asche notwendige Rohstoffe dem Produkt hinzugefügt.
Tiermehl hat hier wenig verbleibende Asche, es wird als reiner Heizwert genutzt.

Unterschiedliche Aufbereiter aus der Region liefern den aufbereiteten Abfall zur Verbrennung im Werk an. 
Alle Ladungen werden laut Krohn, schon im Interesse von Holcim geprobt, um keine unerwünschten Beimischungen in der Asche zu haben. Aufbereiteter Abfall aus industriellen Prozessen, aus dem Gewerbe und auch der Haushaltsmüll in Form von Gelben Säcken wird hier als sogenannter Fluff in zerkleinerter Form angeliefert.

 Die Müll-Aufbereiter sortieren vor dem Zerkleinern Glas, organischen Stoffe, Metalle und PVC aus. Auch wiederverwertbare Materialien werden hier herausgenommen.
TetraPack-Verpackungen können nicht wieder verwertet werden und enden u. a. im Kreis Steinburg bei Holcim im Ofen 11.
Durch die Milchpackungen mit der vergorenen Milch sei auch der manchmal wahrzunehmende säuerliche Geruch auf dem Gelände in Lägerdorf zu erklären, informiert Willi Breiholz. Firmen, die den Müll aufbereiten, werben mit ihrem Produkt als klimafreundlichen Ersatzbrennstoff und propagieren bei Zementherstellern mit dem Argument, dass deren CO2-Ausstoss reduziert und diese so in erheblichem Umfang Kosten für Emissionsrechte sparen können.

 In Lägerdorf hat Holcim seit 2012 die Genehmigung erhalten, mit 100 Prozent an Ersatzbrennstoffe den Zement zu brennen. 
Die Braunkohleverbrennung wird nun also durch den Einsatz von Sekundärbrennstoffen ersetzt.

Heute werden bereits rund 80 Prozent der benötigten Energie aus Sekundärbrennstoffen gewonnen. Damit werden 240 Megawatt an Energie abgedeckt.
 Angelieferter Braunkohlestaub wird in Silos gelagert.
 Falls die Ersatzbrennstoffe einmal ausgehen sollten, liegt hier der fossile Brennstoff immer parat. Die Auflagen für die Ausstoßwerte (Emissionsbegrenzungen) sind beim Zementwerk anders als bei einer Müllverbrennungsanlage ausgelegt. Laut Krohn werden bei der Verbrennung in der Zementindustrie viel höhere Temperaturen ( Flammentemperatur von 2000 °C) eingesetzt, als bei Müllverbrennungsanlagen  (800 °- bis allerhöchstens 1200°).
Die zuständige Aufsichtsbehörde kann jederzeit die Emissionswerte des Werkes online kontrollieren. Allerdings sind Schwermetalle im Müll nicht brennbar und da gibt es ein Problem, da das Zementwerk nicht wie eine Müllverbrennungsanlage zur Quecksilberminderung ausgelegt ist.
 Die Behörden haben dem Unternehmen trotzdem grünes Licht zur Verbrennung von Müll gegeben, da die ständig überprüften Emissionswerte im Rahmen der Genehmigung liegen.

Dem Umweltverband BIAB e.V.platzte der Kragen, als das Unternehmen Holcim in Lägerdorf auch noch einen Umweltpreis erhielt. Vertreter der BIAB fordern effektiviere Filter, um den Quecksilberausstoß zu minimieren. Holcim hält dagegen, dass bereits heute moderne Filteranlagen eingesetzt und die erlaubten Quecksilberwerte deutlich unterschritten werden.


 Lägerdorf wurde über Jahrzehnte als wohlhabende Gemeinde in Schleswig-Holstein - wie vor kurzem noch Brokdorf - beneidet.
Die aus Meeresablagerungen entstandene Kreide brachte Rethwisch und Lägerdorf Wohlstand ein. Dies gilt seit 2007 nicht mehr. Der größte Lägerdorfer Arbeitgeber braucht aufgrund Berliner Beschlüsse keine Gewerbesteuer mehr an die  Gemeinde zahlen. Gewinne, die in Lägerdorf/Rethwisch erwirtschaftet wurden, dürfen mit Verlusten in anderen Unternehmensbereichen im In- und Ausland verrechnet werden.

Vielleicht kann in naher Zukunft ganz auf das Brennen verzichtet werden, denn auch hier werden an anderen Orten neue Methoden der Zementherstellung erforscht. Info HIER oder HIER.



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